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Politik ist ohne Sonntag überflüssig!

"Wenn der Sontag wegrationalisiert wird, macht sich die Politik überflüssig."
Der Zeitforscher Karlheinz Geißler machte beim Concilium der KAB-Stiftung ZASS (Zukunft der Arbeit und der Sozialen Sicherung) deutlich, dass der Kapitalismus im Begriff ist jegliche Zeit zu ökonomisieren. Der Sontag, als arbeitsfreier Tag zum 5.000 Jahre alten Kulturgut geworden, steht kurz vor seiner Abschaffung. Mit dem Ausverkauf des Sonntags als Arbeits- und Konsumzeit verliert der Mensch jeden Rhythmus, der ihn an seine natürlichen Abläufe bindet.
Bestimmte seit dem 15. Jahrhundert in der Moderne immer mehr der Takt der Uhr die Arbeits- und Tagesabläufe des Menschen, so ist in der Postmoderne seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die Gleichzeitigkeit anstelle des Taktes getreten. Die Uhr ist die Quelle des Kapitalismus und hat zu Herrschaftsstrukturen geführt.
Erfunden im Kloster, später angebracht an der Außenfassade der Kirchtürme, wurde die Uhr schnell zum Taktgeber der Arbeit. Nicht mehr Tag und Nacht bestimmten die Arbeitszeit, sondern die Uhr. Die Stechuhr am Werkstor, die den Acht-Stunden-Tag oder die Schicht begrenzte, ist längst abgebaut.
Freizeit, Familienarbeit und Erwerbsarbeit vermischen sich und finden gleichzeitig statt. Doch was als Befreiung von der Uhr gepriesen wurde, hat zur Vergleichzeitigung, zur Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft und zur Arbeitzeitverdichtung geführt. Die Schnelligkeit ist zur Gleichzeitigkeit mutiert. Die Produktion nach der Uhr ist überholt.


SONNTAGSÖFFNUNG IST KEINE FREIHEIT

Warenhäuser machen den Sonntag zum Familieneinkaufstag, zum Freiheitstag, an dem man einkaufen kann, und treiben so die Ökonomisierung weiter voran. "Mit Freiheit hat die Sonntagsöffnung nichts zu tun, vielmehr sind die Manager selbst zu Getriebenen geworden, die dem allzeit bereiten Internet noch eine Konkurrenz bieten wollen", betonte Karlheinz Geißler. Auch die Titulierung des verkaufsoffenen Sonntags zum Familientag gehe an der Realität vorbei. Im Gegenteil: Familie werde zerstört. "Eine Familie, die sich nicht treffen kan, ist keine Familie", so der Zeitforscher. "Der Kapitalismus", so Conciliumteilnehmer Bernhard Antoni, "individualisiert und entsolidarisiert die Menschen." Antoni forderte die Teilnehmer und die KAB Deutschlands auf, dieser Entwicklung ein Wir-Gefühl gegenüberzustellen. Geisler betonte, dass der Mensch ein rhythmisches Wesen sei. Rhythmisch zu leben heiße maßvoll zu leben. "Wir sollten taktloser sein", mahnte er. Dennoch machte der Zeitforscher wenig Hoffnung, den Trend zu stoppen. Jegliche Ausstiegsversuche würden meist ebenfalls ökonomisiert. So wird die Auszeit im Kloster genutzt, nicht um zu entschleunigen, sondern um anschließend noch schneller zu agieren.

WIDERSTAND FÜR DEN SONNTAG

Geißler glaubt, dass erst mit der völligen Ökonomisierung der Kapitalismus ernsthaft in Gefahr gerate, bankrott zu gehen. Widerstand werde vom System einverleibt. Paradox sei, dass ein Do-Nothing-Wochenende für 3.000 Dollar angeboten und gebucht werde. So begrüßte Geißler, dass der Papst bei seinem Besuch in Österreich nicht nur einmal darauf hingewiesen habe, dass der Sonntag kein Tourismus-Tag ist, der so wieder der Ökonomisierung ausgeliefert werde. Der Wissenschaftler, der auch Mitglied der Allianz für den arbeitsfreien Sonntag ist, forderte die Kirchen auf, sich stärker dieser Vereinnahmung des Sonntags durch die Wirtschaft entgegenzustellen. Derzeit lese man - ob es stimmt oder nicht - in den Zeitungen, dass der verkaufsoffene Sonntag ein voller Erfolg sei. Warum, so Geißler, lesen wir nicht: 5.000 Jahre verkaufsfreier Sonntag sind ein voller Erfolg.

Geißler warnte die Politik davor, den Sonntag und damit den natürlichen Rhythmus des Menschen der Wirtschaft zu opfern,ob durch ausgedehnte Ladenöffnungszeiten, Markttage oder Öffnungen der Autowaschanlagen wie in Bayern. Wenn der Sonntag fällt, schaffe die Politik gleichzeitig die Sieben-Tage-Woche ab. Damit entsteht ein Monatsrhythmus mit dreißig Tagen. Politik würde sich selbst überflüssig machen in einer Gesellschaft ohne Rhythmus, die allein von ständiger Produktion und ständigem Konsum geprägt ist.

Geißler appellierte an die Gewerkschaften, Zeit nicht - wie ein Arbeitgeber - nur unter den Faktor Geld zu stellen. "Zeit sollte nicht in Geld, sondern in Kultur verrechnet werden."
Der Zeitforscher regte an, nicht über Arbeitszeitverkürzungen an den Rändern, sondern innerhalb der Arbeit durch Pausen die gemeinsamen Zeiten zu verändern. Die 35-Stunden-Woche habe zu mehr Freizeit und Arbeitsverdichtung, nicht aber zu mehr freier Zeit geführt.


Quelle: IMPULS, November 2007



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